02.10.2026

Die Geschichte des Gemeindebaus

Das Wiener Wohnbaumodell: Seit Generationen. Für Generationen.

Wien gilt international als Vorbild für sozialen und kommunalen Wohnbau. Seit mehr als 100 Jahren prägt der Wiener Gemeindebau nicht nur die Wohnungspolitik, sondern auch das Stadtbild und das Leben von Generationen von Wiener:innen. Seine Geschichte beginnt im Roten Wien – mit einer politischen Idee, die bis heute gilt: Leistbares Wohnen soll kein Privileg sein.

Die Anfänge des sozialen Wohnbaus in Wien

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Wohnsituation der Arbeiter:innen von privaten Mietshauskasernen mit oft unzumutbaren Verhältnissen geprägt. 1896 forderte die Sozialdemokratie erstmals ein kommunales Wohnbauprogramm. Erste Ansätze eines Arbeiterwohnbaus entstanden um die Jahrhundertwende in Form von Werkswohnungen und karitativen Stiftungen. Der Erste Weltkrieg ließ diese Bestrebungen zum Erliegen kommen, 1917 waren fast drei Viertel aller Wiener Wohnungen überbelegte Ein- und Zweizimmerwohnungen. Erst der 1917 eingeführte Mieterschutz mit Mietzinsstopp schuf eine wesentliche Voraussetzung für den späteren sozialen Wohnbau.

Der Gemeindebau im Roten Wien

Nach dem überwältigenden Wahlerfolg von 1919 konnte die sozialdemokratisch dominierte Stadtverwaltung ihr bereits 1900 in Graz beschlossenes kommunalpolitisches Grundsatzprogramm in Wien umsetzen. Aus der Wiener Siedlerbewegung der Nachkriegszeit entwickelte sich rasch das Konzept der gemeindeeigenen Großwohnanlage. Die sogenannten „Superblocks“ verbanden leistbaren Wohnraum mit einer für die damalige Zeit umfassenden sozialen Infrastruktur: Zentralwaschhäuser, Kindergärten, Mutterberatungsstellen, Bibliotheken und Geschäftslokale waren direkt in die Wohnanlagen integriert.

Eine entscheidende Grundlage für die Umsetzung dieser Wohnbaupolitik war die Finanzpolitik von Stadtrat Hugo Breitner. Nachdem Wien 1922 ein eigenständiges Bundesland geworden war, ermöglichte die 1923 beschlossene, sozial gestaffelte Wohnbausteuer, ergänzt durch Luxusabgaben auf Autos, Pferde, Hauspersonal und Vergnügungen, die Finanzierung eines umfangreichen Wohnbauprogramms. Die Besteuerung von Immobilienbesitz machte Wohnraumspekulation unrentabel, ließ die Grundstückspreise sinken und ermöglichte der Gemeinde den Ankauf großer Flächen wie des „Drasche-Gürtels“. Das erste Wohnbauprogramm von 1923 mit 25.000 Wohnungen war bereits 1926 verwirklicht, ein zweites Programm von 1927 sah weitere 30.000 Wohnungen vor.

In den 1920er-Jahren entstanden auf dieser Grundlage zahlreiche große Gemeindebauten. Bis zur Zerschlagung der Demokratie im Februar 1934 wurden in Wien beinahe 65.000 Gemeindewohnungen errichtet. 382 Bauten von 199 verschiedenen Architekten prägten dabei einen unverwechselbaren Stil des Roten Wien. Große, begrünte Innenhöfe statt Straßenfronten, direkt belichtete Räume, Balkone, fließendes Wasser und eigene WCs waren für die damalige Zeit revolutionär, auch wenn die Wohnungen mit durchschnittlich 40 bis 50 Quadratmetern noch vergleichsweise klein waren.

Zu den bedeutendsten Anlagen dieser Zeit gehörte der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt. Mit über einem Kilometer Länge wurde er zur längsten zusammenhängenden Wohnhausanlage der Welt und zum Symbol des Roten Wien. Der Reumannhof, benannt nach dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister, und der Rabenhof zählen ebenfalls zu den prestigeträchtigen Gemeindebauten dieser Zeit. Der Sandleitenhof in Ottakring war mit rund 1.600 Wohnungen die größte Anlage der Ära, während der Metzleinstalerhof zu den ersten Gemeindebauten überhaupt gehörte und noch stark von der Genossenschaftsbewegung geprägt war. Weitere wichtige Anlagen waren der Goethehof in Kaisermühlen, der George-Washington-Hof und der Matteotti-Hof.

Der kommunale Wohnbau war von Beginn an politisch umkämpft. Das bürgerliche Lager bekämpfte Mieterschutz und die sogenannten „Breitner-Steuern“ mit publizistischen Kampagnen. Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 geriet die eigenständige Wiener Finanzpolitik zunehmend unter Druck. 1932 trat Breitner zurück, Robert Danneberg übernahm das Ressort. Die Februarkämpfe 1934 bedeuteten das definitive Ende des progressiven kommunalen Wohnbaus und zahlreiche Gemeindebauten wurden umbenannt. Im selben Monat fanden im Karl-Marx-Hof und anderen Gemeindebauten schwere Kämpfe des Österreichischen Bürgerkriegs statt. 

Gemeindebau während des Nationalsozialismus und nach 1945

Mit dem „Anschluss“ im März 1938 endete auch formal die Ära des sozialdemokratischen Gemeindebaus: Die NS-Herrschaft prägte die Wiener Gemeindebauten fortan auf andere, gewaltsame Weise. Unter der NS-Herrschaft wurden Wiener Gemeindebauten zu Schauplätzen von Vertreibung, Verfolgung und Enteignung, insbesondere jüdischer Bewohner:innen. 

Nach dem Krieg, in dem jede sechste Gemeindewohnung zerstört oder unbenützbar geworden war, nahm die Stadt 1947 mit der Per-Albin-Hansson-Siedlung-West ihre Bautätigkeit wieder auf. In den 1950er-Jahren entstanden aufgrund der knappen Baugrundreserven zunehmend höhere Wohnblöcke in Zeilenbauweise. Zwischen 1951 und 1970 wurden auf diese Weise rund 96.000 neue Wohnungen geschaffen, später zunehmend auch in Fertigteilbauweise.

Ab den 1960er- und vor allem in den 1970er-Jahren verlagerte sich der kommunale Wohnbau zunehmend an den Stadtrand. Wohnanlagen waren stark vom internationalen Trend des „Wohnens im Grünen“ und der Idee des Hochhauses geprägt. Ein prominentes Beispiel ist der Wohnpark Alterlaa in Liesing: Mit Terrassenhäusern, Dachschwimmbädern, Saunen und großzügigen Grünräumen gilt er international bis heute als Vorzeigeprojekt des sozialen Wohnbaus der Nachkriegszeit. Ähnlich groß angelegt war die Großfeldsiedlung in der Donaustadt.

In den 1970er-Jahren verlagerte sich der kommunale Wohnbau zugleich zunehmend auf Baulückenschließung, Stadterneuerung und verdichteten Flachbau. Ab den 1980er-Jahren wandelte sich der Ansatz erneut: Die Stadt rückte stärker von monofunktionalen Großsiedlungen ab und setzte zunehmend auf kleinteiligere, ökologisch und sozial durchmischte Projekte sowie auf die sanfte Stadterneuerung bestehender Altbauviertel.

Geförderter Wohnbau als Brücke

Bis in die 2000er-Jahre wuchs der Bestand auf über 200.000 Gemeindewohnungen. 2004 wurde mit einem Bau in der Rößlergasse in Liesing zunächst der letzte klassische Gemeindebau fertiggestellt. Bis 2019 entstanden zwar keine weiteren Gemeindebauten – aufgehört, leistbaren Wohnraum zu schaffen, hat Wien deshalb aber nicht: In dieser Zeit setzte die Stadt verstärkt auf den geförderten Wohnbau.

Zwischen 2004 und 2019 hat die Stadt zwar keine neuen Gemeindebauten mehr errichtet. Aufgehört, leistbaren Wohnraum zu schaffen, hat sie in dieser Zeit aber nicht: Sie tat es über den geförderten Wohnbau, in dem Wien weltweit führend ist. Seit 1994 wurden rund 5 Milliarden Euro in den Wohnbau investiert, über 2.500 Anlagen mit 122.000 Wohnungen saniert.

Bereits 2019 hatte die Stadt Wien mit der Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau" ein wirksames Instrument gegen Grundstücksspekulation geschaffen. Sie legt fest, dass bei der Umwidmung größerer Flächen in Bauland künftig zu zwei Dritteln geförderter, also leistbarer Wohnraum entstehen muss. Damit wird auch der Grundstückspreis gedeckelt, denn ein Verkauf zu überhöhten Preisen lohnt sich für Eigentümer:innen unter diesen Vorgaben nicht mehr. So sorgt die Widmungskategorie dafür, dass leistbares Wohnen nicht nur im Gemeindebau, sondern in der gesamten Stadtentwicklung mitgedacht wird, und dass private Bodenspekulation dem sozialen Wohnbau nicht länger im Weg steht.

Wien schafft Zuhause.

Gemeindebau NEU: Wien baut wieder selbst

Mit dem 2019 fertiggestellten Barbara-Prammer-Hof in Favoriten läutete die Stadt eine neue Phase ein: das Programm „Gemeindebau NEU". Seither baut Wien wieder selbst. Die neuen Wohnhausanlagen entstehen bevorzugt auf bereits versiegelten Flächen, etwa ehemaligen Parkplätzen oder Industriebrachen, und setzen konsequent auf ökologische Standards: Wärmepumpen statt Gas, Photovoltaik, Bauteilaktivierung für Heizen und Kühlen, Fassaden- und Dachbegrünung. In der Donaustadt entsteht mit einem dieser Projekte der erste CO₂-neutrale Gemeindebau der Stadt. Auch das soziale Grundprinzip der Zwischenkriegszeit lebt fort. Gemeinschaftsräume, Dachterrassen mit Hochbeeten, Kindergärten und Nahversorger im Haus sollen, wie einst die Waschküchen und Bäder der „Superblocks", neue Nachbarschaften stiften. Bis Herbst 2025 wurden auf diese Weise 20 Gemeindebauten NEU fertiggestellt, weitere befinden sich in Bau. Insgesamt sind über 5.700 Wohnungen für rund 13.000 Bewohner:innen auf den Weg gebracht. Die Stadt beschloss, bis 2030 weitere 1.500 Gemeindewohnungen zu realisieren.

Leistbarer Wohnbau in neuen Wiener Stadtvierteln

Parallel zu den einzelnen Gemeindebauten entstehen ganze Stadtviertel auf Flächen, die die Stadt neu erschließt. Am ehemaligen Nordwestbahnhof in der Brigittenau, bis 2021 noch Güterbahnhof, wächst auf 44 Hektar Wiens größtes innerstädtisches Entwicklungsgebiet. Bis 2035 sollen dort rund 6.500 Wohnungen entstehen, 60 Prozent davon gefördert, dazu Straßenbahn, Rad-Highline und rund 20 Hektar Grünraum. Auf den ehemaligen Aspanggründen im dritten Bezirk entsteht bis 2027 mit dem Village im Dritten ein nahezu autofreies Quartier für etwa 4.000 Menschen, mit Schule, Kindergärten und dem Bert-Brecht-Park als grünem Zentrum. 

So schaffen wir Zuhause.

Wohnungsvergabe NEU und Sanierung der Wiener Gemeindebauten

Auch die Vergabe der Wohnungen wurde 2026 modernisiert.  Mit der Wohnungsvergabe NEU entwickelt die Stadt Wien das Vergabesystem von Gemeindewohnungen und geförderten Wohnungen weiter. Das bisherige eher starre System wurde durch ein flexibles System ersetzt, das die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Wiener:innen besser berücksichtigt. So wird leistbarer Wohnraum noch zielgerichteter und zielgerichteter verteilt. Rund 14.000 Wohnungen werden so jährlich zu einem neuen Zuhause.

Parallel dazu wird saniert wie nie zuvor: Aktuell werden rund 100 Wohnhausanlagen mit knapp 16.000 Wohnungen um 1,37 Milliarden Euro instandgesetzt, seit 2020 wurden bereits 91 Sanierungen abgeschlossen.

Eine hundertjährige Tradition

Für Bürgermeister Dr. Michael Ludwig ist diese Kontinuität kein Zufall, sondern Ausdruck einer langen Tradition. Die 220.000 Gemeindewohnungen sind im Eigentum der Stadt und bleiben es:

„Und das hat ganz eng zu tun mit dieser 100-jährigen Tradition, die wir in Wien aufgebaut haben und die dazu geführt hat, dass wir in Wien 220.000 Gemeindewohnungen haben und diese auch nicht verkauft haben, nicht privatisieren und auch in Zukunft nicht verkaufen.“

Wien baut wieder selbst, bekennt sich klar dazu, Gemeindewohnungen nicht zu privatisieren, und investiert in die Sanierung des Bestands so viel wie nie zuvor. Der soziale Wohnbau bleibt in öffentlicher Hand, er wächst, und er wird erneuert.

So funktioniert die Wohnungsvergabe NEU.

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