Der Wiener Arbeitsmarkt ist hochdynamisch und weist im österreichischen Vergleich das größte Beschäftigungswachstum auf. Zwischen 2015 und 2023 stieg die Zahl der unselbständig Beschäftigten um rund 100.000 Stellen – ein Zuwachs, für den zuvor 60 Jahre (1956–2015) benötigt wurden. Mit aktuell rund 900.000 unselbständig Beschäftigten wurde ein historischer Höchststand erreicht, gleichzeitig liegt die Zahl der Arbeitslosen bei rund 125.000, was einer Arbeitslosenquote von etwa 11 % entspricht. Die aktuelle Bevölkerungsprognose hebt die fortgesetzte Sonderrolle Wiens hervor und zeigt den demografischen Vorteil urbaner Räume. Bis 2040 wird erwartet, dass nur in Wien die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter steigt, während sie in allen anderen Bundesländern abnimmt. Mit ein Grund ist die hohe Lebensqualität in Wien, die die Stadt zu einem attraktiven Wohnort macht.
Wien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem modernen Wissens- und Dienstleistungsstandort entwickelt. Zugleich erlebt die Stadt in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Stärkung ihres Produktionssektors, etwa durch die Ansiedlung internationaler Pharmaunternehmen. Rund 12 % der Beschäftigten sind heute in der Fertigung oder in der Bauwirtschaft tätig. Wichtige Wachstumsfelder für den Arbeitsmarkt sind Green Jobs, IT, Tourismus sowie die Daseinsvorsorge in den Bereichen Gesundheit, Pflege, Erziehung und Forschung.
Neben diesen positiven Entwicklungen steht der Arbeitsmarkt vor einer Reihe komplexer Herausforderungen. Die wachsende Zahl der Erwerbspersonen, die stark divergierende Qualifikationsstruktur der Bevölkerung sowie strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Technologie bringen Spannungen mit sich, die sich auf Beschäftigung, Fachkräftesicherung und Chancengleichheit auswirken.
Wien verzeichnet das stärkste Beschäftigungswachstum aller Bundesländer, zugleich bleibt die Arbeitslosigkeit vergleichsweise hoch. Eine wesentliche Ursache liegt in der auseinanderklaffenden Qualifikationsstruktur: Wien weist sowohl den höchsten Anteil an formal höchst Gebildeten (Universitäts- oder FH-Abschluss) als auch an formal geringst Gebildeten (maximal Pflichtschule) auf. Dieses Ungleichgewicht führt zu einem Mismatch zwischen den spezialisierten Anforderungen vieler Arbeitsplätze und den vorhandenen Qualifikationen der Arbeitsuchenden, wodurch insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit begünstigt wird. Zusätzlich trägt der Zuzug von Menschen, in Verbindung mit einem vergleichsweise moderaten Wachstum von Wirtschaft und Arbeitsplätzen, zu einer konstant hohen Arbeitslosigkeit bei. Hier ist zu berücksichtigen, dass viele geflüchtete Menschen während ihres Asylverfahrens über keine Arbeitserlaubnis verfügen, da eine Arbeitserlaubnis an einen positiven Asyl- bzw. Schutzbescheid gekoppelt ist.
Die unbezahlte Arbeit in Kinderbetreuung oder Pflege wird nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen, was sich direkt auf ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt auswirkt. Viele Frauen arbeiten Teilzeit, weil sie keine anderen Möglichkeiten sehen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Diese ungleiche Verteilung von Care-Arbeit trägt zu Einkommensunterschieden, längeren Karriereunterbrechungen oder geringeren Aufstiegschancen bei. Auch in Wirtschaftsbereichen wie beispielsweise im Handel sind viele Frauen in Teilzeit beschäftigt. Dies wirkt sich nicht nur auf das individuelle Einkommen und auf die spätere Pension aus, sondern auch auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität, da Potenziale von Fachkräften nicht vollständig genutzt werden.
Wien steht am Arbeitsmarkt vor der Herausforderung, dem wachsenden Fachkräftebedarf zu begegnen, was zugleich Chancen für eine gezielte Stärkung der Lehrausbildung und für innovative Strategien im Umgang mit dem demografischen Wandel eröffnet. Zwar lag die Zahl der Lehrlinge 2024 mit rund 18.200 nahezu auf dem Niveau von 2008, doch angesichts des starken Bevölkerungswachstums in Wien hat sich die Ausgangslage grundlegend verändert. Die Zahl der Lehrbetriebe und der Lehrlinge nimmt seit Jahren ab, insbesondere in Branchen wie Gewerbe, Handwerk und Tourismus. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Pension. Dadurch fallen viele erfahrene Fachkräfte aus dem Arbeitsmarkt weg, was die bestehenden Engpässe an qualifizierten Arbeitskräften weiter verschärft. Hinzu kommt, dass die Anpassung der Berufsbilder in Lehrberufen an moderne Anforderungen, etwa im Bereich Dekarbonisierung oder neuer Technologien, im Durchschnitt sieben Jahre dauert. Diese langsame Aktualisierung führt dazu, dass junge Menschen oft in Strukturen ausgebildet werden, die nicht mit den aktuellen Bedürfnissen des Arbeitsmarkts übereinstimmen. Die Kombination aus rückläufiger Lehrlingsausbildung und einer wachsenden Zahl ausscheidender Fachkräfte führt zu einer zunehmenden Lücke zwischen den Anforderungen der Arbeitsplätze und den vorhandenen Qualifikationen und macht deutlich, dass eine gezielte Stärkung der Qualifizierungen in zentralen Wirtschaftszweigen erforderlich ist.
Die Integration von zugewanderten Menschen ist in Wien nach wie vor eine zentrale Herausforderung. Sprachliche Barrieren spielen dabei eine wichtige Rolle. Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, haben häufig Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, und einige verlassen die Schule ohne ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse. Auch Erwachsene stehen im Bewerbungsprozess vor Herausforderungen, da Unterstützung beim Verfassen von Bewerbungsschreiben oder bei Vorstellungsgesprächen nur eingeschränkt verfügbar ist. Hinzu kommen mögliche Schwierigkeiten bei der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse, die den Eintritt in den Arbeitsmarkt verzögern können.
Auch die Inklusion unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen am Arbeitsmarkt stellt weiterhin eine große Herausforderung dar. Ältere Arbeitnehmer:innen werden häufig bereits lange vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters aus dem Erwerbsleben gedrängt. In einem Viertel der Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten arbeiten keine Personen über 60 Jahren, was auf eine strukturelle Benachteiligung dieser Gruppe hinweist.
Auch Menschen mit Behinderungen sind in hohem Ausmaß vom allgemeinen Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Dadurch werden nicht nur ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben, sinngebende Tätigkeit und gesellschaftliche Teilhabe verringert, sondern auch die Gefahr erhöht, dauerhaft in prekären Einkommensverhältnissen zu leben und von Armut betroffen zu sein.
Die Wettbewerbsbedingungen in Wien stehen vor mehreren Herausforderungen. Unfaire Praktiken wie Lohndumping oder Geschäftsmodelle, die auf Kosten von Beschäftigten oder ehrlichen Unternehmen Profite generieren, untergraben sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Chancengleichheit zwischen Unternehmen. Auch die betriebliche Mitbestimmung ist ein kritischer Faktor: In Unternehmen, in denen Mitarbeitende nur eingeschränkten Einfluss haben, bleibt der Interessensausgleich schwach, und die Möglichkeiten für Arbeitnehmer:innen, ihre Rechte aktiv wahrzunehmen, sind begrenzt. Insgesamt führen diese Probleme zu Wettbewerbsverzerrungen, beeinträchtigen die Fairness am Arbeitsmarkt und können langfristig den Wirtschaftsstandort belasten.
Um den Herausforderungen am Arbeitsmarkt zu begegnen, setzt Wien auf aktive Arbeitsmarktpolitik. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Wiener Arbeitnehmer:innen Förderungsfonds (waff), ein österreichweit einzigartiges arbeitsmarktpolitisches Instrument, das die Wiener:innen von den ersten Schritten im Berufsleben bis hin zur Pension mit gezielten Angeboten begleitet. 2025 investiert Wien rund 160 Millionen Euro in den waff, um gezielt Qualifizierung, Weiterbildung und die Integration von Arbeitskräften in den Arbeitsmarkt zu unterstützen.
Jüngstes Beispiel für die gezielte Unterstützung von besonders vulnerablen Gruppen ist die Frauenstiftung Wien, die Frauen ab 25 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung neue Perspektiven eröffnet. Die Joboffensive 18plus schafft nach dem Erfolgsmodell der Joboffensive 50plus neue Chancen für junge Menschen am Arbeitsmarkt. Das College 25+ richtet sich an erwachsene Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte und kombiniert durch schulähnliche Bildungsangebote mit Beratung und Arbeitsmarktintegration drei Bereiche, die für eine erfolgreiche Integration entscheidend sind. Ergänzend dazu unterstützt das Wiener Ausbildungsgeld Personen, die eine Ausbildung von einem Jahr oder länger absolvieren, insbesondere in Zukunftsfeldern wie Pflege und Gesundheitswesen, durch finanzielle Förderung und erleichtert so den Zugang zu qualifizierten Berufen.
Darüber hinaus setzt Wien auf strukturelle Erleichterungen, die eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration unterstützen. Flächendeckende Kindergärten und Ganztagsschulen fördern Kinder von klein auf und schaffen zugleich Betreuungs- und Planungssicherheit für Erziehungsberechtigte. Mit seinen umfassenden Öffnungszeiten und nur wenigen Schließtagen im Jahr ist das dichte Betreuungsnetz in Wien seit vielen Jahren Vorzeigemodell für ganz Österreich und ermöglicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Als Wiener Sozialdemokratie bekennen wir uns zu einem starken, gerechten und inklusiven Arbeitsmarkt. Wir bekennen uns dazu, allen Menschen über alle Generationen hinweg faire Chancen auf Beschäftigung zu eröffnen, Weiterbildung und Qualifizierung zu fördern und die Integration benachteiligter Gruppen aktiv zu unterstützen. Wir bekennen uns dazu, gute Arbeitsbedingungen und zukunftsfähige Jobs zu sichern und Wien als attraktiven Arbeitsstandort für alle zu gestalten. Stark durch Chancen für alle bedeutet für uns, Arbeit nicht als bloßen Erwerb, sondern als Teilhabe, Sicherheit und Selbstbestimmung zu begreifen.