Seit jeher haben Kultur und Tourismus in Wien einen hohen Stellenwert und sind ein zentraler Motor für Wirtschaft und Stadtentwicklung. 2024 war für die Vienna Visitor Economy das erfolgreichste Jahr ihrer Geschichte: Mit 8,17 Millionen Ankünften und 18,9 Millionen Nächtigungen verzeichnete Wien laut Statistik Austria das erfolgreichste Tourismusjahr seit Beginn der Aufzeichnungen sowie ein Plus von 11 % bei den Ankünften und 9 % bei den Nächtigungen im Vergleich zu 2023.
Diese Entwicklung unterstreicht Wiens Attraktivität als internationale Metropole des Städtetourismus, der Kultur und insbesondere der Kongresse. Die konsequente Umsetzung der Strategie des „Optimum Tourism“ bildet dabei die Grundlage für nachhaltigen Tourismus und macht Wien bereits heute zu einer internationalen Vorreiterin in diesem Bereich. Auf dieser Basis kann Wien seine Position als weltweit führender Kongressstandort weiter ausbauen: Allein der Kongresssektor schafft jährlich rund 23.500 Ganzjahresarbeitsplätze, trägt mit etwa 1,3 Milliarden Euro zur Wertschöpfung bei und stärkt Wiens Position als globaler Standort für Innovation, Wissenstransfer und Kreativität.
Wien zählt nicht nur zu den erfolgreichsten Tourismus-, sondern auch zu den bedeutendsten Kulturstädten Europas. 78 % der Gäst:innen gaben 2024 an, dass Kultur der Entscheidungsgrund für ihre Reise nach Wien war. Das vielfältige Kulturangebot Wiens steigert die Lebensqualität, fördert sozialen Zusammenhalt und fungiert als Innovationsmotor sowie internationaler Identitätsfaktor. Eine starke Kulturlandschaft zieht Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen sowie auch Unternehmen an und stärkt somit Tourismus, Kreativwirtschaft und Stadtentwicklung. Mit einem vielfältigen Netz an Institutionen, Vereinen und Initiativen trägt das Wiener Kulturangebot maßgeblich zur hohen Lebensqualität in unserer Stadt bei. Wien setzt dabei auf eine starke kulturelle Infrastruktur, faire Arbeitsbedingungen für Kulturarbeiter:innen, FairPay-Prinzipien, niederschwellige Kulturangebote bei freiem Eintritt, aktive Kulturvermittlung und eine lebendige, dezentrale Kulturlandschaft für alle Wiener:innen.
Wien ist in den letzten Jahren zu einer der lebenswertesten und gleichzeitig attraktivsten Tourismusmetropolen Europas herangewachsen. Diese erfreuliche Entwicklung ist eine große Bestätigung für unseren Wiener Weg, sie bringt aber auch Verantwortung mit sich. Die Interessen von Bewohner:innen, Besucher:innen und lokaler Wirtschaft sind nicht immer deckungsgleich. Steigende Besucher:innenzahlen wirken sich auf Wohnraum, Verkehr und Umwelt aus.
Die Kulturbranche ist trotz ihres hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellenwerts nach wie vor von prekären Arbeitsverhältnissen geprägt. Häufig arbeiten Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen in befristeten Projekten oder auf Werkvertragsbasis, mit niedrigen Einkommen und unzureichender sozialer Absicherung. Diese Situation führt nicht nur zu finanzieller Unsicherheit, sondern erschwert auch die langfristige Planung und berufliche Stabilität. Gleichzeitig sind auch gute Arbeitsbedingungen und die Verfügbarkeit von Räumen für Künstler:innen ein immer relevantes Thema, gerade auch jetzt in Zeiten der Teuerung.
Steigende Lebenserhaltungskosten, höhere Mieten für Proben-, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume sowie wachsende Betriebsausgaben stellen eine Herausforderung im Sinne der Leistbarkeit dar und setzen kulturelle Einrichtungen unter Druck. Auch der Kultursektor steht unter dem Einfluss globaler Marktveränderungen und eines sich wandelnden Konsumverhaltens. Dadurch verändert sich nicht nur die Art, wie Kultur produziert, vermittelt und konsumiert wird, sondern auch der Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Reichweite und Finanzierung. Dazu kommt eine hohe Konkurrenz von Freizeitgestaltungsmöglichkeiten bei gleichzeitig sinkender Freizeit. Sogenannte Mega-Events sind oft innerhalb von Sekunden ausverkauft, während Newcomer:innen oft nur wenige Tickets im Vorverkauf verkaufen und deshalb absagen müssen. Gleichzeitig erfordert die Entwicklung neuer, digitaler oder hybrider Formate Investitionen in Infrastruktur und Know-how, was insbesondere für kleinere Einrichtungen eine erhebliche Herausforderung darstellen kann.
Kulturelle Projekte und Produktionen erfordern oft eine langfristige Planung, die wenig Raum für spontane Anpassungen lässt. Wenn unvorhergesehene Ereignisse oder Krisen eintreten, geraten viele Einrichtungen daher rasch an ihre organisatorischen und finanziellen Grenzen, auch wenn Kultur inhaltlich sehr schnell reagieren kann. Fehlende Flexibilität in Budgetierung, Personalplanung oder Infrastruktur kann dazu führen, dass Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden müssen. Dadurch steigen die wirtschaftlichen Risiken nicht nur für die Betriebe selbst, sondern auch für Fördergeber:innen und die vielen beteiligten Branchen, die von einem reibungslosen Ablauf kultureller Aktivitäten abhängen.
Die Gestaltung des öffentlichen Raums ist das Ergebnis einer Vielzahl einzelner Entscheidungen: von der Verkehrsplanung über die Raumordnung bis hin zur touristischen Nutzung. Hierfür müssen alle relevanten Akteur:innen von der Stadtplanung, Tourismus, Kultur und Wirtschaft bis hin zu den Bewohner:innen und Interessensvertretungen strategisch zusammenwirken. Fehlt diese Abstimmung, führt dies zu fragmentierten Entscheidungen, die oft aneinander vorbeigehen. Auch ein aktives „Place Management“ durch Personen oder Strukturen, die dauerhaft Verantwortung für einen Ort übernehmen, soziales Miteinander fördern und Nutzungskonflikte zwischen Anrainer:innen, Tourist:innen und Wirtschaft moderieren, ist Voraussetzung für eine gute Gestaltung des öffentlichen Raums im Sinne aller.
Overtourism stellt für viele Städte eine strukturelle Herausforderung dar. Die ökonomische Dominanz touristischer Nutzungen führt zu einer Verdrängung lokaler Bedürfnisse und beeinträchtigt durch überlastete öffentliche Räume, eingeschränkte Mobilität sowie unzureichende Leitsysteme den Alltag der Bevölkerung.
Ein weiterer Bereich, der zunehmende Aufmerksamkeit erfordert, sind Tagestourist:innen. Besonders Kreuzfahrten und Reisebusse bringen große Besucher:innenströme in Städte, ohne dass dabei nennenswerte lokale Wertschöpfung entsteht. Diese Form des Tourismus führt zu einer hohen Belastung öffentlicher Räume, ohne im gleichen Ausmaß wirtschaftlichen Nutzen für Bevölkerung und Betriebe zu lukrieren. Die hohe Konzentration von Besucher:innen auf kurze Zeiträume verstärkt zudem die Herausforderungen für den städtischen Verkehr und erschwert eine ausgewogene Nutzung der Infrastruktur. Alle interessierten Gäste sollen jedoch die Möglichkeit haben, nach Wien zu kommen; dies erfordert eine gezielte Organisation in Abstimmung mit Betroffenen, Unternehmen und Sozialpartner:innen.
Die zunehmende Nutzung von Wohnraum für kurzfristige Vermietungen an Reisende stellt eine erhebliche Belastung für die Entwicklung von Städten dar. Eine solche Entwicklung könnte die lokale Bevölkerung verdrängen, die soziale Durchmischung schwächen und zu einer Entfremdung von Stadtteilen führen. In Wien ist dieses Problem derzeit weniger akut, da rund 60 % der Bevölkerung in geförderten Wohnungen leben, die nicht kurzzeitvermietet werden dürfen. Gleichzeitig führt der zunehmende Druck durch internationale Bauträger sowie durch Kurzzeitvermietungen wie Airbnb zu steigenden Immobilienpreisen und begünstigt die Umwandlung von leistbarem Wohnraum in Luxuswohnungen, Hotels oder touristisch genutzte Kurzzeitunterkünfte. Dennoch gilt es, die möglichen Folgen von Tourismus frühzeitig zu erkennen und den Schutz des leistbaren Wohnraums konsequent zu sichern.
Die Finanzierung der negativen Auswirkungen des Massentourismus ist derzeit strukturell unzureichend geregelt. Statt einer gerechten Rückverteilung der touristischen Wertschöpfung findet eine zunehmende Externalisierung der Kosten statt: Städte wie Venedig zeigen, dass Gewinne aus touristischen Aktivitäten häufig von internationalen Plattformen abgeschöpft werden, während die kommunalen Gebietskörperschaften mit den sozialen, ökologischen und infrastrukturellen Folgekosten allein gelassen werden.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage, wie ein gutes Miteinander für alle gelingen kann.
Mit der Wiener Visitor Economy Strategy 2025 legt Wien Lösungsansätze und Maßnahmen für eine nachhaltige und ausgewogene Entwicklung des Tourismus fest. Sie bildet den Rahmen, um Nutzungskonflikte zwischen Anrainer:innen, Tourist:innen und Wirtschaft aktiv zu moderieren und die Lebensqualität für alle zu sichern. Ein dauerhaft verankertes Place Management, das Verantwortung für einzelne Orte übernimmt, soziales Miteinander fördert und wirtschaftliche wie gesellschaftliche Interessen ausgleicht, ist dabei eine zentrale Voraussetzung für eine qualitätsvolle Gestaltung des öffentlichen Raums. Der Ansatz heißt Optimum Tourism: gutes Wachstum, aber nicht um jeden Preis. Die Strategie steht für eine Balance zwischen Wachstum, Lebensqualität, Umweltschutz und einer hohen Qualität der Angebote. Durch gezielte Begrünung, Verkehrsberuhigung, Grätzlprojekte und den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und Infrastruktur begegnet Wien dem zunehmenden Druck auf öffentliche Räume und kommunale Infrastrukturen. Die positive Wahrnehmung von Tourismus in der Stadt unterstreicht zudem den Wert einer solchen Strategie: 9 von 10 Wiener:innen sehen Tourismus positiv und 9 von 10 Besucher:innen würden die Stadt weiterempfehlen. Knapp die Hälfte der Gäste (47 %) sind Erstbesucher:innen, 22 % waren schon mindestens einmal in Wien und rund ein Drittel (32 %) zählt zu den Stammgästen.
Die Kulturstadt Wien ist nicht nur ein touristischer und gesellschaftlicher Anziehungspunkt, sondern spielt auch eine wichtige Rolle für die Wiener Wirtschaft. Etwa jeder zehnte Gast kommt aufgrund von internationalen Filmen nach Wien. Mit dem Vienna Film Incentive, das gerade um ein weiteres Jahr verlängert wurde, fördert Wien internationale Filmproduktionen. Auch der Bau des Theaters im Prater schafft nachhaltige Arbeitsplätze und stärkt gleichzeitig das kulturelle Angebot.
Um gewerbliche Kurzzeitvermietung zu beschränken, gilt mit der Bauordnungsnovelle seit Juli 2024 eine klare Grenze: Wohnungen dürfen höchstens 90 Tage im Jahr an Tourist:innen vermietet werden. Damit schützt die Stadt den ursprünglichen Zweck der kurzfristigen Vermietung, verhindert großflächige touristische Nutzung ganzer Grätzl und sichert Wohnraum für die Bevölkerung. Wien gilt hier als Vorreiterin, da sie neben klaren Regeln auch wirksame Kontrollmechanismen etabliert hat, um Verstöße konsequent zu ahnden.
Mit der Kulturstrategie 2030 hat sich Wien in einem Beteiligungsprozess intensiv mit der Kulturlandschaft und ihren Akteur:innen auseinandergesetzt, um über Vergangenes und Gegenwärtiges zu reflektieren und daraus die richtigen Ableitungen für die Zukunft zu treffen. Herausgekommen ist ein umfassendes Strategiepapier, das Ziele für die wesentlichen Herausforderungen zusammenfasst: von der Leistbarkeit von Kultur für alle Wiener:innen, der Abbildung der Stadtgesellschaft im kulturellen Leben bis hin zu Fair Pay, kulturelle Infrastruktur in der gesamten Stadt, aber auch Klimagerechtigkeit und Digitalisierung sowie zeitgemäße Erinnerungskultur.
Als Wiener Sozialdemokratie bekennen wir uns zu einem Tourismus, der Wien stärkt und wirtschaftlichen Erfolg, ökologische Verantwortung, Lebensqualität und demokratische Teilhabe in Einklang bringt. Wir bekennen uns auch dazu, dass Kunst und Kultur für alle Menschen zugänglich sein und ein demokratisches Gut bleiben müssen: durch niederschwellige Angebote, leistbare Eintrittspreise und eine vielfältige Förderpolitik. Pulsierend durch Kultur und Tourismus heißt für uns, Tourismus wirtschaftlich erfolgreich, nachhaltig und sozial verträglich zu gestalten und eine Kulturpolitik zu fördern, die allen Wiener:innen und Kunstschaffenden zugutekommt.