Wien ist heute eine der führenden Metropolen Europas, wenn es um Forschung und Entwicklung im Bereich der Life Sciences geht, ein Beispiel, das stellvertretend für die Stärke aller Forschungs- und Entwicklungsbereiche in der Stadt steht. Diese Wissenschaftsbereiche – von Genetik, Biochemie und Mikrobiologie bis hin zu angewandter Medizin, Biotechnologie und Medizintechnik – befassen sich mit dem Leben und der Gesundheit selbst. Sie sind nicht nur ein zentraler Innovationsmotor für Wirtschaft und wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch für soziale Sicherheit, Lebensqualität und Gerechtigkeit.
Die Life Sciences sind in Wien längst zu einer wirtschaftlichen Schlüsselbranche geworden. Mit rund 750 Organisationen – darunter Universitäten, Fachhochschulen, außeruniversitäre Forschungsinstitute, Unternehmen und Start-ups – beschäftigt der Sektor nahezu 50.000 Menschen und verzeichnete zwischen 2020 und 2023 ein Beschäftigungswachstum von 8 %. Über 650 Unternehmen beschäftigen mehr als 33.500 Angestellte und erwirtschaften gemeinsam einen Jahresumsatz von rund 22,7 Milliarden Euro, ein Wachstum von 22 % gegenüber 2020. Mehr als die Hälfte aller österreichischen Life-Science-Unternehmen hat ihren Sitz in Wien, und die Bundeshauptstadt ist für über 50 % aller wissenschaftlichen Publikationen Österreichs in diesem Bereich verantwortlich.
Großinvestitionen internationaler Pharma- und Biotech-Konzerne unterstreichen das Vertrauen in den Standort: Boehringer Ingelheim beschäftigt rund 3.450 Menschen in Österreich, generiert 1,46 Milliarden Euro Umsatz und hat in den letzten zehn Jahren über 1 Milliarde Euro investiert – mit erheblicher Unterstützung der Stadt Wien. Takeda beschäftigt über 4.500 Menschen und investiert im neunstelligen Bereich in ein „Lab of the Future“ zur Erforschung innovativer Therapien. Octapharma wiederum beschäftigt etwa 1.500 Menschen und investierte 200 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Medikamente auf Basis menschlicher Proteine. Diese Zahlen zeigen, dass Wien nicht nur wissenschaftlich, sondern auch wirtschaftlich ein Schwergewicht ist – ein Standort, der hochqualifizierte Arbeitsplätze schafft, Zukunftstechnologien entwickelt und soziale Sicherheit stärkt.
Diese Bilanz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langfristig angelegten Strategie. Die Gesundheitsmetropole Wien 2030 ist als Spitzenthema in der Strategie Wien 2030 verankert und wurde sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene als Schlüsseltechnologie festgeschrieben. Als Sozialdemokrat:innen wissen wir: Solche Erfolge entstehen durch vorausschauende öffentliche Investitionen, aktive Standortpolitik und gesellschaftliche Verantwortung. Wien zeigt, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen: Eine starke Forschungs- und Innovationspolitik ist Voraussetzung dafür, gute Arbeitsplätze zu schaffen, eine hochwertige Gesundheitsversorgung sicherzustellen und niemanden zurückzulassen.
Bei aller Stärke steht Wien vor vielen Herausforderungen und hat gleichzeitig großes Potenzial. Im Vergleich zu internationalen Spitzenstandorten wie Zürich, München, Amsterdam, Kopenhagen oder Stockholm ist Wien zwar zur nennenswerten Größe angewachsen, kann seine Innovations- und Wirtschaftskraft aber noch ausbauen.
Forschung allein genügt nicht – entscheidend ist, dass aus Wissen konkrete Innovationen entstehen. Startups und Spin-offs sind dabei zentrale Triebkräfte, weil sie Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte und neue Arbeitsplätze übersetzen. Wien hat hier eine solide Basis, doch im internationalen Vergleich ist die Gründungsdynamik ausbaufähig. Häufig werden Wiener Start-ups oder neue Therapieentwicklungen frühzeitig von Großkonzernen aufgekauft, was den Aufbau einer eigenständigen Wertschöpfungskette vor Ort behindert. Bei den kumulierten Venture-Capital-Investitionen 2016–2025 liegt Wien deutlich hinter den führenden europäischen Standorten zurück. Während Städte wie Kopenhagen oder Amsterdam Milliardenbeträge für die Skalierung von Start-ups mobilisieren, fehlen in Wien die Mittel, um vielversprechende Unternehmen aus der Forschung heraus nachhaltig wachsen zu lassen. Dies führt dazu, dass Start-ups oder neu entwickelte Therapien häufig früh von Großkonzernen aufgekauft werden und die Wertschöpfung ins Ausland abwandert. Gleichzeitig muss die Stadt Wien ihre Förderprogramme weiter ausbauen. Seit 2003 wurden im Life-Sciences-Programm des WWTF 138 Projekte mit mehr als 78 Millionen Euro gefördert – diese Erfolgsgeschichte muss fortgesetzt und verstärkt werden.
Die Zahl der publizierten Patente zwischen 2015 und 2025 liegt im unteren Bereich des europäischen Vergleichs. Das weist auf Schwächen bei der wirtschaftlichen Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse hin und erschwert den Aufbau einer eigenständigen industriellen Basis. Wien kann nur so innovativ sein, wie die Menschen, die hier arbeiten und forschen. Deshalb ist es zentral, sowohl heimische Talente zu fördern als auch internationale Spitzenkräfte zu gewinnen.
Gleichzeitig müssen die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft verbessert werden. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unsichere Karriereperspektiven und mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefährden die Attraktivität des Standorts. Faire Gehälter, planbare Karrierewege und familienfreundliche Strukturen sind zentrale Voraussetzungen, um Spitzenkräfte langfristig zu binden. Zudem braucht es mehr Studienplätze in zukunftsrelevanten Fächern und erleichterte Zugänge für Menschen mit fachverwandten Lehrabschlüssen. Nur so kann Wien den steigenden Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften decken.
Zugleich wird der Wettbewerb um Talente, Forschungseinrichtungen und Investitionen immer intensiver. Wien zieht zwar bereits heute hochqualifizierte Fachkräfte aus aller Welt an – allein am Vienna BioCenter arbeiten Menschen aus rund 80 Nationen –, doch Spitzenkräfte kommen nur dorthin, wo Weltklasse-Forschung, moderne Infrastruktur und verlässliche Karrierewege geboten werden. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unsichere Perspektiven und mangelnde Anerkennung gefährden die Attraktivität des Standorts.
Die Medizin der Zukunft ist datengetrieben. Präzisionsmedizin, personalisierte Therapien und evidenzbasierte Gesundheitspolitik basieren auf der Auswertung großer Mengen an Gesundheitsdaten – von Genomsequenzen über Registerdaten bis hin zu klinischen Verlaufsdaten. Länder wie Dänemark und Estland zeigen, wie durch konsequente Nutzung von Registerdaten Forschung und Versorgung verbessert werden können. In Österreich gestaltet sich die Nutzung vorhandener Datenpotenziale durch unterschiedliche Zuständigkeiten, administrative Anforderungen und ein hohes Datenschutzniveau herausfordernd. Es besteht demnach großes Potenzial, Innovationen in diesem Bereich aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, braucht es eine gemeinsame Strategie aller Akteur:innen – insbesondere einen konstruktiven Schulterschluss zwischen Datenschutz, Gesundheitswesen und Forschung. Klare Rahmenbedingungen und klare Zuständigkeiten ermöglichen den verantwortungsvollen Umgang mit Gesundheitsdaten und gewährleisten gleichzeitig höchste Datenschutzstandards. Wien kann dabei als Pilotregion für digitale Medizin eine Vorreiterrolle im European Health Data Space (EHDS) einnehmen und zeigen, wie Innovationsförderung und Datenschutz Hand in Hand gehen. Immer unter Berücksichtigung, dass die Daten in der Verfügung des Gesundheitsdienstanbieters bleiben müssen. Eine so gestaltete Datenstrategie schafft die Grundlage für bessere Versorgung, zielgerichtetere Therapien und eine moderne, evidenzorientierte Gesundheitspolitik.
Ein weiteres Zukunftsfeld ist die Gender Medicine – die geschlechtsspezifische Betrachtung von Gesundheit, Krankheit und Therapie. Männer und Frauen reagieren oft unterschiedlich auf Medikamente oder entwickeln Krankheiten unterschiedlich schnell. Dennoch basiert ein Großteil medizinischer Forschung nach wie vor auf männlichen Probanden. Die SPÖ Wien hat sich zum Ziel gesetzt, die Gesundheitsversorgung konsequent an den Bedürfnissen der Wienerinnen auszurichten, frauengerechte Medizin zu stärken und präventive Angebote flächendeckend zugänglich zu machen. Dazu gehören Angebote für Gesundheitspersonal, geschlechtssensible Anamnesebögen, die Aufnahme von Gender-Aspekten in Curricula, Leitlinien und Forschungsprogrammen sowie eine wissenschaftliche Begleitung und Evaluierung entsprechender Pilotprojekte. Frauenspezifische Gesundheitseinrichtungen wie das FEM Med Frauengesundheitszentrum sollen ausgebaut und als Best-Practice-Modelle weiterentwickelt werden. Der erfolgreiche Start von FEM MED und das Pilotprojekt Gendermedizinbezirk Favoriten geben dabei die Richtung vor.
Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Einsatz von KI im Gesundheitsbereich gewinnt dieser Ansatz weiter an Bedeutung. Gesundheits-Apps und Diagnose-Tools müssen so entwickelt werden, dass geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigt werden. Ohne Bewusstsein für Gender Medicine droht die Gefahr, dass bestehende Biases in Daten und Algorithmen fortgeschrieben werden.
Exzellente Grundlagenforschung ist der Nährboden jeder bahnbrechenden Innovation. Ohne sie fehlt der langfristige Motor für neue Technologien, Medikamente und Therapien. In Wien ist die öffentliche Forschungsfinanzierung zwar beträchtlich, reicht aber nicht aus, um im globalen Spitzenfeld mitzuhalten. Dabei sind herausragende Forschungseinrichtungen Magneten für talentierte Studierende, Forscher:innen und Unternehmen und damit entscheidend für Standortattraktivität und Spitzenforschung.
Zudem gilt es, gezielt in Zukunftsfelder wie Künstliche Intelligenz in Verbindung mit Life Sciences zu investieren. KI wird künftig eine Schlüsselrolle in Diagnostik, Medikamentenentwicklung, personalisierter Medizin und der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen spielen. Wien kann hier eine Vorreiterrolle übernehmen, wenn es frühzeitig Forschungszentren aufbaut und Talente anzieht. Ein positives Beispiel ist das neue KI-Institut AITHYRA der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das interdisziplinäre Spitzenforschung fördert.
Die Bedeutung der Life Sciences für Wien geht weit über Wirtschaftsdaten hinaus. Sie sind ein strategisches Instrument sozialdemokratischer Politik: Sie ermöglichen eine Gesundheitsversorgung, die sich an den Bedürfnissen aller orientiert, und leisten einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie Pandemien, Krebs oder Klimawandel. Freiheit bedeutet hier auch die Freiheit der Wissenschaft, neue Wege zu gehen. Gleichheit zeigt sie sich im offenen Zugang zu Wissen, Bildung und medizinischem Fortschritt – unabhängig vom Geldbörsel. Gerechtigkeit verlangt faire Bezahlung, gerechte Preise für Medikamente und eine solidarische Verteilung der Lasten. Und Solidarität drückt sich in der gemeinsamen Anstrengung aus, durch Forschung und Innovation kollektive Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu finden.
Quantentechnologie zählt zu den vielversprechendsten Innovationsfeldern unserer Zeit. Sie besitzt das Potenzial, zentrale Bereiche wie Informatik, Kommunikation, Kryptografie, Materialwissenschaften und die Life Sciences grundlegend zu verändern.
Obwohl viele Anwendungen noch frühphasig sind, gewinnt die industrielle Relevanz rasch an Bedeutung. Wiener Unternehmen fokussieren sich dabei insbesondere auf Quantenkryptografie – die hochsichere Kommunikation für kritische Infrastrukturen – Quantencomputing sowie Quantensensorik und Messtechnik.
Dabei könnten die Entwicklungen im Quantenbereich maßgeblich Auswirkungen auf andere Branchen haben. Im Life-Sciences-Bereich, einem Stärkefeld der Wiener Wirtschaft, eröffnen Quantencomputer perspektivisch neue Möglichkeiten für die Modellierung komplexer Molekülstrukturen, wodurch Wirkstoffentwicklung und biotechnologische Forschung beschleunigt und die zielgerichtetere Medikamentenentwicklung verbessert werden kann.
Damit Wien die bestehende Forschungsstärke in wirtschaftliche Wertschöpfung überführen kann, sind strategische Maßnahmen im Bereich der Infrastruktur, Talenteförderung und Koordination erforderlich. Zugleich wird angesichts des wachsenden Bedarfs deutlich, dass der Ausbau und die Modernisierung der Quanteninfrastruktur gezielt vorangetrieben werden sollten.
Auch im Bereich der Talententwicklung besitzt Wien eine hervorragende Ausgangslage mit spezialisierten Studienangeboten an der TU Wien und der FH Technikum Wien. Diese Basis gilt es konsequent weiterzuentwickeln. Zugleich gilt es, die internationale Rekrutierung zu stärken, um Wien im globalen Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte zu positionieren. Strukturierte PhD-Programme mit Industriebezug, Berufsorientierung im MINT-Bereich sowie umfassende Relocation-Services sind zentrale Hebel, um passende Talente nach Wien zu holen.
Wien verfügt über eine exzellente Ausgangsbasis und enorme Chancen. Aber wenn wir unsere Spitzenposition sichern und ausbauen wollen, dürfen wir uns nicht auf bisherigen Erfolgen ausruhen. Es braucht gezielte wirtschafts- und forschungspolitische Maßnahmen, um das Potenzial der Life Sciences voll auszuschöpfen – als Innovationsmotor für die Wirtschaft, als Garant für soziale Sicherheit und als Grundlage für ein gutes Leben für alle Wiener:innen.
Mit seinen starken Grundlagen, seiner wirtschaftlichen Dynamik und seiner internationalen Ausstrahlung kann Wien zu einem der führenden Life-Science-Zentren Europas aufsteigen. Dafür braucht es jedoch entschlossenes politisches Handeln. Forschung und Innovation müssen gezielt gestärkt, Investitionen mobilisiert, Gleichstellung vorangetrieben und Talente gesichert werden. Nur so kann eine echte europäische Spitzenposition eingenommen – und dabei gezeigt werden, dass wirtschaftliche Exzellenz und sozialdemokratische Werte Hand in Hand gehen.
Im Bereich der Quantentechnologie zählt Österreich zu den weltweit anerkannten Forschungsstandorten, getragen von Einrichtungen wie dem Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der ÖAW, den Universitäten Innsbruck und Wien, der TU Wien, dem Austrian Institute of Technology (AIT) sowie bedeutsamen industriellen Partner-Unternehmen. Bis 2026 fließen rund 107 Millionen Euro7 – unter anderem über die Förderinitiative Quantum Austria und den Exzellenzcluster Quantum Science Austria – in Forschung und Technologieentwicklung. Mit der Verleihung des Physik-Nobelpreises an den österreichischen Quantenphysiker Anton Zeilinger wurde die internationale Spitzenstellung der österreichischen Quantenforschung weithin sichtbar. Hinsichtlich Infrastruktur, Talenteförderung und Koordination verfügt Wien hier bereits über Labor- und Großgeräteinfrastruktur auf höchstem Niveau, etwa das Austrian Quantum Transmission Electron Microscope an der TU Wien.
Aus sozialdemokratischer Perspektive sind Forschung und Innovation kein Selbstzweck und jedenfalls nicht exklusives Spielfeld für Konzerne, sondern Werkzeuge, um gesellschaftlichen Fortschritt für alle zu ermöglichen. Wir bekennen uns dazu, durch wissenschaftliche Exzellenz und technologische Entwicklung Gesundheit, soziale Teilhabe und Chancen für jede:n Einzelne:n zu gewährleisten – unabhängig von Einkommen, Herkunft, Behinderung oder sozialem Status. Innovativ durch Forschung und Entwicklung heißt für uns, Wissenschaft und Technologie in den Dienst der Gesellschaft zu stellen und wissenschaftliche Exzellenz mit sozialer Verantwortung zu verbinden.
1. Grundlagenforschung und Hochschulen stärken
2. Start-ups fördern
3. Digitale Medizin und Datenzugang ermöglichen
Eine aktive Mitgestaltung und Nutzung des European Health Data Space (EHDS), der seit März 2025 gilt, unter Berücksichtigung, dass die Daten in der Verfügung des Gesundheitsdienstanbieters bleiben müssen.
4. Geschlechtsspezifische Medizin zum Standard machen
5. Fachkräfte sichern und Talente gewinnen
6. Quantentechnologie stärken